Alter und neuer Hexenmythos

Wie man vielleicht bemerkt anhand der Beiträge, recherchiere ich mehrere Themen gleichzeitig. Das macht mir mehr Spass. Denn oftmals gerät die Stöberei ins Stocken oder man hat einfach mal Lust auf Anderes. Und so kann man vorarbeiten, hat immer etwas zu tun und zu schreiben.

Nebst den Kelten schaue ich mir gerade die Hexenverfolgungen genauer an. Neben meinem Bett liegt ein Buch des Historikers Carlo Ginzburg. Es heisst «Hexensabbat. Entzifferung einer nächtlichen Geschichte». Bislang bombastisch! Extrem reich an Quellen und Verweisen, dicht beschrieben und analysiert. Ginzburg will die Ursprünge des Hexenmythos ergründen. Und siehe da: Im Simmental im Berner Oberland ortet er einen dieser Anfänge. Dort wurden im 14. Jahrhundert die ersten Schweizerinnen und Schweizer von der kirchlichen Obrigkeit verfolgt. «Das ist ein Podcast!» schoss es mir beim Lesen immer wieder durch den Kopf.

Interessant fand ich in den ersten paar Kapiteln vor allem, wie Ginzburg wie ein Detektiv den Weg des Hexenmythos nachverfolgt. Denn Hexen (oftmals einfach Aussenseiter oder Andersgläubige) waren scheinbar nur ein weiterer Sündenbock. In den Jahren zuvor wurden den Juden und Leprakranken düstere Verschwörungen und mörderische Absichten gegen Christen nachgesagt. Zu Tausenden wurden sie verfolgt, verurteilt und auf Scheiterhaufen verbrannt oder sonst wie getötet. Diese Verfolgungswelle kam aus dem Süden Frankreichs und breitete sich gegen die Alpenregion aus. Die Pest, die ab 1340 Europa erreichte, fachte das Feuer der Paranoia zusätzlich an.

Spannende Sache! Und beängstigend, wenn man Vergleiche anstellt und Parallelen erkennt. Denn kürzlich musste ich mehrmals leer schlucken, als ich eine Doku des Schweizer Fernsehens schaute. Sie handelte von Leuten in der Schweiz, die überzeugt sind, dass eine geheime Sekte von Satanisten im Geheimen systematisch Menschen missbraucht und opfert. Und das sind nicht irgendwelche «Heinis» und «Spinner», sondern Leiter von Psychiatrie-Institutionen, Kantonspolizisten, Lehrer und so weiter. Ich war schockiert. Es gibt keine Beweise dafür, und die Gläubigen scheinen weder vom False Memory Syndrome noch von der Satanic Panic in den USA der 80er-Jahre gehört zu haben (hier eine kurze Klammer: Dieses Buch lesen oder, wer’s gerne fiktionalisiert mag, dieser Film schauen). Oder von den Hexenverfolgungen im Mittelalter und der Neuzeit.

Ist es nur Zufall, dass momentan eine Pandemie grassiert und solche Theorien spriessen? Ich frage ich mich wirklich, was zurzeit genau abläuft in unserer Welt – und rufe mir danach ins Gedächtnis, dass (zum Glück noch!) nur ein winziger Teil der Bevölkerung durchdreht.

Jedenfalls sind die Elemente dieser Art von Verschwörungstheorie immer dieselben: Eine Gruppe von Andersgläubigen verübt ORGANISIERT GRÄUELTATEN gegen WEHRLOSE, meistens Kinder und Jugendliche, mit der Absicht, ihre eigene MACHT zu stärken. SEX, PERVERSION und KANNIBALISMUS gehören auch noch in den Mix. Das alles wurde schon den Juden vorgeworfen. Danach den Hexen. Die Hexen stellten angeblich Salben aus den getöteten Babys her, die «neuen» Satanisten trinken das Blut der geopferten Kinder, um sich zu verjüngen (Stichwort Adrenochrom).

Auch deshalb ist es nie verkehrt, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Man erkennt düstere Tendenzen und fehlgeleitete Handlungsmuster, die sich immer wiederholen und scheinbar stark in der menschlichen Natur verwurzelt sind.

Bild: Wikimedia

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