Von Pyramiden und Kentauren

Wenn ich nach Süden blicke, dann sehe ich ihn, den Niesen. Von meinem Standort aus hat er nicht die typische Pyramidenform – diese sieht man nur vom Nordufer des Thunersees aus, am besten von Merligen und Sigriswil (siehe Foto). Doch auch von Thun aus sieht er irgendwie anders aus als andere Berge.

Er wirkt so glatt, so abgetragen und karg und irgendwie seltsam vollendet. Ein «Pfund Schnitz», das in der Landschaft sitzt wie ein fetter Mönch beim Meditieren. Er ist nicht mein liebster Berg, aber ich mag ihn trotzdem. Natürlich ranken sich auch zahlreiche Legenden um den Berg, die meistens von Gold, Zwergen oder Bunkern handeln.

Doch wie kam er überhaupt zu seinem Namen, der Niesen? Ich stiess auf diesen Text von Thomas Franz Schneider, einem Sprachwissenschaftler. Er nimmt den Reisebericht von Benedikt Aretius, den ich in einem vorherigen Post thematisiert habe, unter die Lupe und geht der Frage nach, warum Aretius von Nessus sprach und inwiefern das mit griechischer Mythologie zu tun hat.

Aretius verwendet für den Niesen in seinem lateinischen Text konsequent die Bezeichnung Nessus bzw. die obliquen Formen Nessi, Nesso, Nessum. Dies, obwohl er als Berner (aber nicht unmittelbarer Anwohner) den Berg unter dem Namen Niesen kennt und ihm die Einheimischen noch weitere Namen oder Namenformen nennen, eine ältere oder ursprüngliche Form der Jesen und, vor allem für die Westflanke von Erlenbach im Simmental aus, der Stalden.

Die Motivation für diese Namenform ist, vor seinem humanistisch-altsprachlichen Hintergrund gesehen, wohl am ehesten im Bereich der klassischen lateinischen und griechischen Sprache und Mythologie zu suchen. Hier bietet sich der aus dem Heraklesmythos bekannte Name des Kentauren Nessos (auch: Nesos), latinisiert Nessus, an. Kentauren sind wilde Bergbewohner, die als Waffen Äste und entwurzelte Bäume, später auch Steine, Felsblöcke und Keulen tragen. In ihrer Gestalt vierbeiniger Mischwesen aus Mensch und Pferd verbindet sich die Aggressivität des Tiers mit dem menschlichen Verstand. Als ihre Heimat wurde das griechische Festland, besonders die Bergwälder Thessaliens angesehen.

Bild: Hansjörg Keller

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