«Alterthümer» im Gürbetal

Ich bin ein echter Fan des Berner Altertumsforschers Albert Jahn (1811-1900) geworden. Seine Bücher sind wirklich faszinierend.

Momentan arbeite ich sein umfangreiches Werk mit dem unglaublich langen Titel «Der Kanton Bern, deutschen Theils, antiquarisch-topographisch beschrieben, mit Aufzählung der helvetischen und römischen Alterthümer und mit Bezugnahme auf das älteste Ritter- und Kirchenwesen, auf die urkundlichen Ortsnamen und die Volkssagen : ein Handbuch für Freunde der vaterländischen Vorzeit» durch.

Jahn geht Gemeinde für Gemeinde durch und beschreibt dem Leser archäologische Funde, Historisches, Sagen und Obskures. Echt ein cooler Fundus!

Nun denn, ohne Umschweife gleich zu einigen (für mich) interessanten Textstellen. Alle mit Bezug zum Gürbetal und zu den umliegenden Hügeln. Mein Plan ist es, in den nächsten Tagen und Wochen im selben Stil zu anderen Ortschaften Beiträge zu posten.

In diesem ersten geht es unter anderem um verschwundene Seen (wieder einmal), «Heidentempel» mit seltsamen Überbleibseln, Höhlen und Zwergensagen. Die Textstellen habe ich zum Teil gekürzt, aber sonst weder korrigiert noch bearbeitet.

Toffen, welches urkundlich ziemlich früh (1148 lallen snperius et inlerius) und bisweilen als Toffen am See erscheint, weil vor Zeiten das Gürbethal größtenteils See war, ist unstreitig eine römische Ansiedlung gewesen.

Beachtungswerth sind die Sagen von hiesigen heidnischen Kultstätten. Als eine solche bezeichnet man einen vormals mit Eichen bewachsenen Hügel zwischen Zimmerwald und Muhleren, der demnach dem druidisch-keltischen Eichenkult geweiht gewesen wäre. Einen Heidentempel versetzt die Sage auf den sogenannten Jmmi-Hubel, einen konischen Waldhügel, der sich beim Dorfe Blaken ( urk. 1148 ?Istsoli6r) in einem Thälchen zwischen der Bütschelegg und der Anhöhe von Muhleren erhebt und, wie es heißt, eine überwachsene Ruine trägt. Da sich am südwestlichen Abhang dieses Hügels ein sehr bedeutendes Petrefaktenlager befindet, so kann sich an dieses seltsame Naturphänomen, wie es auch anderswo der Fall gewesen, leicht ein heidnischer Kult angeknüpft haben. Eine nördlich vom Jmmi-Hubel am Bergabhang gelegene alte Scheuer heißt die Heidenscheuer, und es gehen von derselben allerlei Sagen beim Landvolk, welches auch die Zwerge des Lengenbergs dort ihr Wesen treiben läßt. Kommt übrigens der Name des Jmmi-Hubels vorn keltischen loinnl, das ist: Grenze, so ist die Bergscheide, in welcher er liegt, eine Grenzabtheilung und das dortige Heiligthum ein Grenzheiligthum gewesen.

Merkwürdig ist in altertümlicher Beziehung auch das sogenannte Pfaffenloch unweit Gutbrunnen, in der Nähe des Schlosses von Rümligen. Es ist dieß eine Sandsteinfelsenhöhle in der Gutbrünnenfluh, einer hohen und ausgedehnten Felswand, in welcher der Gebirgszug der Bütschelegg gegen das Gürbethal abfällt. Die Höhle hat einen sehr engen Eingang, durch welchen man in einen grottenartigen Raum gelangt, der nach innen durch einen aufrechtstehenden, das weitere Vordringen in die Höhle erschwerenden Steinpfeiler fast versperrt ist; sie ist voll Versteinerungen und soll sieben oder neun stufenartig angebrachte Gemächer haben und sich unter dem Lengenberg bis Rüeggisberg fortziehen. Der Name gründet sich auf die Sage, daß hier der heilige Odilo von Clugny gewohnt habe, als er das Kloster Rüeggisberg einzuweihen Herberufen worden sei. Die Richtigkeit der Sage zugegeben, so ist dennoch diese Höhlenbildung nicht als eine künstliche, etwa des Mittelalters, zu erklären, sondern als eine natürliche, durch Zerklüftung und Ausspühlung des Sandsteins entstandene. Es knüpft sich aber an diese Lokalität eine abergläubische Vorstellung, welche aus dem Heidenthum stammt. Die Bauern lassen nämlich Bergmännchen oder Zwerglein hier ihr Wesen treiben, und sie wissen von ihrem Haushalt, und wie es so nett da drinnen sei, gar viel zu erzählen.

Eine Spur selbst des höchsten keltischen Alterthums in hiesiger Gegend weist eine kleine Serpentin-Art, welche denjenigen der brasilianischen Wilden auffallend ähnelt und 1846 in der Großmatt unterhalb dem Ebnit bei Burgistein, am Saum eines Feldes unter Ackersteinen gefunden wurde. Noch ist bei Burgistein anzumerken, daß in seinen Umgebungen sogenannte Heideneisen, die auch sonst im Gürbethal hier und da vorkommen, gefunden werden, wie auch, daß im nahen Dörfchen Schön eck und im obern Elbschen ein sogenanntes Heidenhaus vorkommt, von welchen letzteres, ein zerfallenes, zu einem Ofenhause benutztes Gebäude, einen ausgetrockneten Ochsenkopf, als heidnische Reliquie, unter dem Dachgiebel aufgehängt bewahrte.

Bei Unter-Gurzelen entdeckte man 1842 auf der Mittagseite eines südlich vom Dorfe gelegenen Waldhügels, dicht am Waldsaum, in bloßer Erde, ein Furchengrab von Länge, mit einem ziemlich gut erhaltenen jugendlichen Gerippe. Bei demselben lagen folgende bronzene Beigaben: zwei flache, 2″ lange Stäbchen, die in der Mitte und an beiden Enden einen Ring bilden; ein Drathring von 2″ Durchmesser; Bruchstücke von zwei zerbrochenen Hohlblech-Arm- ringen mit getriebener Arbeit, im Durchmesser 1″, 8″‹ und 249 2″, 3″/; zwei platte, radförmig durchbrochene Scheibchen mü sechszehn Speichen, deren je zwei immer näher beisammenstehen, mit einem hohlen Buckel in der Mitte, umgeben von frei anliegenden platten Kreisen (Durchmesser 2″ 4′»). Von diesen Kreisen ist der eine auf der Vorderseite mit achtzehn, auf der Rückseite mit neunehzn Disken bunzirt, der andere mit siebzehn und neunzehn; die Scheibchen aber tragen deren sechszehn an den Speichenenden, acht im Umkreis des Buckels und auf diesem selbst sieben. Die letztbemerkten Stücke sind Gürtelhaften, wie sie in keltischen Gräbern bisweilen vorkommen; das Rad ist ein Sonnensymbol, und die Disken haben theils solarische, theils planetarische Bedeutung. Wie die Form und Verzierung der zwei letzten Stücke, so weist auch das bloße Vorkommen von Bronzearbeit, ohne Begleitung von Eisenarbeit, sämmtliche Fundgegenstände dem kelto-helvetischen Alterthum zu. Weitere Nachgrabungen an der Stelle haben nichts zu Tage gefördert.

Menschliche Gerippe, jedoch ohne Beigaben und in bloßer Erde, entdeckte man bei’m Graben eines Kellers zu Ober- Gurzelen. Sie lassen auf einen heidnischen Todtenacker schließen. Uralte Ansiedlung in dieser Gegend bezeugt auch der einstige Bestand von zwei Burgen. Die Trümmer der einen liegen auf einem Waldhügel bei Unter-Gurzelen; im spätern Mittelalter war sie der Sitz der Edlen von Bennwpl (urk. 1228, Lnroarckus äs UonnovvUc;) ; in alten Schriften heißt es, sie liege oben am Thurnen-See, was die bei Toffen gemachte Bemerkung über die ehemalige Beschaffenheit des Gürbethales bestätigt. Die andere, von welcher noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts Rudera vorhanden waren, lag im Dorf Ober-Gurzelen und soll den Namen zum Thurm gehabt haben; die nächste Umgebung heißt noch die Burg. Wahrscheinlich bezieht sich auf diese Localität folgendes Urkundliche von 1253: nmnsum situm in 6urmI1on ot turrim ibiäom. Beide Burgen, von welchen besonders die erstere das Giirbethal beherrschte und mit den am linken Gürbe- ufcr gelegenen correspondirte, sind, wie jene, in ihrer Uranlage wahrscheinlich römische Kastelle gewesen.

Außerdem ist am nördlichen Abhang der südlich von Unter-Gurzelen gelegenen Anhöhe ein Stück Mauer eines uralten Rundbaues von ä/ Dicke aufgefunden, aber ununtersucht aus- gebrochen worden, so daß es ungewiß bleibt, ob diese Rudera von einer Kapelle, welche zu Gurzelen gestanden haben soll, oder von einem vormittelalterlichen Bau herrühren. Jedenfalls bezieht sich auf römische Rudera der Name „Murimatt», welchen zwei Häuser der Kirchgemeinde Gurzelen, Abtheilung Seftigen, tragen.

Das zuoberst im Gürbethal, am rechten Ufer des Flüßchens Blumenstein gegenüber gelegene Oertchen Reckenbühl scheint durch seinen Namen eine der ältesten germanischen Ansiedlungen zu verrathen, wenn man nicht lieber das in diesem Namen enthaltene Wort Recken, als gleichbedeutend mit Hünen, das ist: Riesen, aus eine vorgermanische, keltische Ansiedlung beziehen will. Aus Allem, was wir vom Gebiet der Gürbe angemerkt haben, geht deutlich hervor, daß diese Gegend in der römischhelvetischen Zeit zahlreiche Ansiedlungen, eine Straße und verschiedene feste Punkte hatte, und schon von den Kelto- Helvetiern bewohnt gewesen ist. Es fällt somit die schon früher mit Recht bekämpfte Ansicht ganz dahin, nach welcher diese Gegend lediglich ein Aufenthalt von wilden Thieren gewesen oder höchstens von streifenden Jägern besucht worden ist.

Bild: DALL-E 2

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