Vom Tatzelwurm

Wenn man dem Berner Oberland ein eigenes Legendentier zuweisen möchte, dann wäre dies wohl der Tatzelwurm. Dieses Mischwesen, das mal wie ein grosser Wurm, mal wie eine seltsame Schlange mit drachenhaften Zügen beschrieben wird, soll in den Schluchten und Höhlen des östlichen Berner Oberlandes zuhause sein. Ich stöbere immer mal wieder zum Thema. Hier zwei Textauszüge aus Schweizer Publikationen.

Selbst der Glaube an Drachen fand vor 50 Jahren noch Anhänger. In Bern hörte ich einen bekannten Photographen und Berggänger am Stammtisch seinen gespannt lauschenden Genossen ausführlich erzählen, wie er in Meiringen von einem Stollenwurm, der in der Schlucht eines nahen Wildbaches hause, gehört und sich mit ein paar Herren aufgemacht habe, die Sache an Ort und Stelle zu untersuchen. Umständlich schilderte er, was fürVeranstaltungen mit Stangen, Leitern und Seilen nötig gewesen seien, um an die Stelle zu gelangen, wo man in die Schlucht hinunterschauen konnte, und sodann, wie das Tier endlich im Wasser aus seinem Winkel hervorgekrochen sei, ein Geschöpf, an Gestalt einem Krokodil zu vergleichen, doch viel grösser, mit furchtbarem, gefrässigem Rachen, kurzen Beinen und mit Schuppen gepanzert; den hintern Teil, der schlangenähnlich sein solle, habe er jedoch nicht sehen können. Er beteuerte heilig, das Ungetüm mit eigenen Augen gesehen zu haben, und der Widerspruch seitens der Tafelrunde wagte sich kaum hervor.

Quelle: Persönliche Erlebnisse auf dem Gebiet des Aberglaubens

In verschiedenen Beisebüchern, welche das Berner Oberland beschrieben, ist die Bede von einem merkwürdigen Tier, das sich nur auf der Grimselroute, von Brienz bis zur Handeck vorgefunden habe. Dieses Tier zeigte sich nur bei schwüler Hitze, oder wenn das Wetter sich änderte. Es habe die Gestalt einer dicken Schlange, kurze, stollenartige Füsse und einen dicken, katzenartigen Kopf gehabt. Wegen der Füsse wurde es «Stollerururm» genannt 3). In Königs Alpemeise und, bei J. B. Wyss. Beise ins Berner Oberland, ist von solchen Stollenwürmern die Bede. Auch A. Willi spricht in seinem Büchlein: «Flora Alpina» davon. Noch anfangs letztes Jahrhunderts, im Jahre 1811, habe, wie Wyss berichtet, der Schulmeister Heinrich Imdorf im Guttannental ein solches Tier erblickt. Dieses soll wohl ein Klafter lang gewesen sein und die Dicke eines Mannesschenkels gehabt haben. Ferner wird ein gewisser Hans Kehrh angeführt, der angab, ebendort auf dem Allmenth sonnenhalb einen Stollenwurm gesehen zu haben, in dessen Leibe 10 Junge waren. End ein gleichartiges Tier, in dessen Leib ebenfalls eine Masse Junger waren, will ein Landmann im Boden an der Grimselstrasse als Knabe mit einigen Gesellen totgeschlagen haben.

Quelle: Grundzüge einer Heimatkunde von Guttannen im Haslital (Berner Oberland) [Teil 6]

Bild: Wikicommons

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