Jahn: Hünengräber und grüne Teufel

Zum vorläufigen Abschluss der Serie über interessante Stellen in Albert Jahns «Alterthümer» im Kanton Bern gehen wir ins Mittelland, in die Umgebung der Stadt Bern. Dort verortet der bekannte Historiker Hünengräber, Sagen um «grüne» Teufel und Spukgeschichten vom Wütisheer. Natürlich kommt auch das Grab des Riesen Bottis im Grauholz vor, das später der Autobahn weichen musste.

Auch hier der Hinweis: Die Textstellen sind unkorrigiert und enthalten deshalb viele Rechtschreibefehler. Und noch etwas: Mit Allmendingen meint Jahn das bernische Allmendingen und nicht das Thuner Quartier.

Los gehts!

In dem vor Kurzem ausgereuteten Theile des Loraine–Wäldchens, das heißt des südwestlichen Ausläufers des Wyler- holzeö, sind in den zwanziger Jahren alte eiserne Waffen abgegraben worden, und am daranstoßenden sogenannten Grien- Rain stieß man gleichzeitig auf Reihengräber, deren Gerippe sich zum Theil durch ungewöhnliche Dicke der Hirnschale auszeichneten. Superstition hinderte genauere Untersuchung.

Sehr merkwürdig ist der herwärts Allmendingen gelegene und von der Straße nach Thun durchschnittene Hühnli-Wald. Auf dem oval-konischen, oben abgeplatteten Waldhügel, der sich links von der Thunstraße erhebt, befand sich nach der Sage eine Opferstätte; auch wird dort bisweilen Schatzgräberei getrieben, und es geht vom Hühnli-Wald, wie von andern alterthümlich bedeutsamen Stätten, die Sage, daß sich daselbst das Wütisheer zu Zeiten hören lasse. Obschon nun jener Hügel selbst jedenfalls als ein Werk der Natur und zwar als eine Ablagerung des vorweltlichen Aaregletschers anzusehen ist, so findet man doch allerdings sowohl auf als an und um denselben vielfache Spuren von alterthümlichem Menschenwerk.

Spuren von alterthümlichem Menschenwerk zeigt auch der westliche, rechts an der Thuner- straße liegende Theil des Hühnli-Waldes, welcher eine niedrige Moränenablagerung bedeckt. Künstlich umgestaltet ist auch diese natürliche Terrain-Formation auf der Westseite durch einen tiefen, hohlwegartigen Graben und durch eine lang gedehnte aufgedämmte Terrasse, auf deren Fläche hier und da beim Ausroden von Baumwurzeln altes Ziegelwerk zum Vorschein kommt. Künstliche Zurichtung zu einer Rundform verrathen auch einige Hügel mit natürlicher Grundlage. Finden wir demnach in diesem Theile des Hühnli-Waldes unverkennbare Spuren uralter Wohn – und Todtenstätten, so zeigen sich uns in den Spuren von Menschenwerk, die wir auf und an dem Hühnli-Waldhügel nachgewiesen haben, Merkmale eines druidisch-keltischen Kultortes, der vielleicht zum Theil auch als Begräbnißort diente.

Am Wege, der von Rubigew nach Tägertschi führt, liegen am südlichen Ende des sogenannten äußern Herren holz es zwei runde Erdhügel, 6^ hoch und 20 Schritte im Durchmesser, der eine rechts, der andere links am Wege. Sie heißen „ die Hünengräber», das heißt: die Riesengräber, oder auch „die Galgenhübel der alten Stadt Muri», die weiter bergaufwärts, im sogenannten Muri-Wald, soll gestanden sein. Beide sind aber unverkennbar heidnische Grabhügel, und der Waldweg selbst, dessen südliche Fortsetzung im freien Felde zum Theil noch gepflastert ist, bestund ohne Zweifel schon vor Errichtung der Hügel selbst, da Grabstätten nach heidnischer Sitte gerne an Wegen errichtet wurden.

An die Umgegend von Bern am rechten Aarufer anknüpfend, erwähnen wir hier zuerst Das Grauholz und Botti’s Grab. Spuren alten Wesens, welches schon der Name des Waldes vermuthen läßt, fehlen in demselben keineswegs. Gleich am bebauten südlichen Waldrande, oberhalb der Gegend vonKappelisacker, links von der Straße, kommen beim Pflügen öfters alterthümliche Gegenstände von Eisen und Kupfer zum Vorschein. Im nördlich anstoßenden Theile des Waldes, etwa 400 Schritte links von der obersten Höhe der Landstraße, stehen in einem bemoosten Waldgrunde zwei altersgraue Granitpfeiler in der Entfernung von 20′ einander gegenüber. Diese Pfeiler, von welchen vereine halb umgesunken ist, ragen 4′ aus dem Boden hervor und sind in der Länge mit zwei schmalen und zwei breiten Seiten viereckig roh zugehauen, oben aber abgerundet. Der eine nordwestlich, der andere südöstlich gestellt, kehren sie einander die breite Seite zu. Leider ist diese merkwürdige Lokalität schon lange von Schatzgräbern heimgesucht und verunstaltet worden, ehe die antiquarische Untersuchung hinzukam. Allem Anschein nach erhob sich ursprünglich zwischen beiden Steinen ein Grabhügel, dem jene als eine Art Menhirs zur Einfassung dienten. Als die Stelle vor einigen Jahren untersucht wurde, lag der Hügel längst zerworfen zu beiden Seiten einer Vertiefung, die bis an die Basis des Hügels von einem Stein zum andern war gezogen worden. Doch fand man noch die Steinplatte, welche in der Tiefe des Hügels, inmitten der beiden Steine und dem umliegenden Boden eben, die eigentliche Grabstätte bedeckt statte, und unter welcher, wie es hieß, ein riesiges Gerippe zum Vorschein gekommen war. Auch fand man noch bei tieferem Nachgraben zwischen beiden Steinen einen alten eisernen Schlüssel, und in der früher ausgeworfenen Erde zeigten sich Bruchstücke massiver Ziegel, welche an römisches Ziegelwerk erinnerten. Dieses und der Umstand, daß in den römisch-helvetischen Gräbern nicht selten Schlüssel, wahrscheinlich als symbolische Beigaben, gefunden werden, macht es glaublich, daß diese Grabstätte dem römisch-helvetischen Alterthum angehört habe. Der hier Bestattete muß eine sehr bedeutende Person gewesen sein, da sein Name, wenn auch wahrscheinlich verunstaltet, sich erhalten hat. Den Botti denkt sich übrigens der Landmann der Umgegend als einen 2G langen Niesen, der hier im Walde gehaust habe, und sie wissen von ihm viel zu erzählen, z. B.: junge Tannen auszureißen, sei ihm ein Leichtes gewesen; die Bauern hätten ihm, wenn er zu ihnen auf’s Feld gekommen, statt der Hand die Pflugsterze gereicht, welcher die Merkmale seines gewaltigen Händedrucks stets sichtbar eingedrückt geblieben seien; als er gestorben, habe seine Niesenschwester jene Grabsteine in ihrem Fürtuch Herbeigetragen und ihm dieselben gesetzt u. dgl. m. Es ist aber klar, daß dieser Mythus sich aus der irrigen Vorstellung erzeugt hat, als ob jene zwei Steine mit dem früher dazwischen gelegenen Hügel die Körperlänge des hier Bestatteten bezeichnen sollten. Eine ähnliche Vorstellung liegt dem Sprachgebrauch zu Grunde, wonach der Landmann auch bei uns hier und da die Grabhügel der vorgermanischen Zeit als Hünengräber, das ist: Riesengräber, bezeichnet. Es konnte sich übrigens hier die Vorstellung von einem Riesengrab um so eher bilden, da früher einige Schritte weiter eine ähnliche, nur viel kleinere und nicht mit Steinen bezeichnete Grabstätte vorhanden war. Leider ist aber auch diese zerstört worden, ohne daß etwas über den Inhalt des Grabes bekannt worden wäre. Das umliegende Hügelterrain dürfte noch viele Reste heidnischen Alterthums bergen.

Uebrigens erscheint urkundlich „ze Jegistorf ncbent der Burg» eine Dingstätte, wie im nahen Ezelkofen (1303 Lrrikotell, 1325 M/.vUiolou viiia) „ bi der Linden im Dorf.» »») Wir vermuthen dieß um so mehr, da vom Schloß die Sage geht, daß dort das „Geldsonnen,» als teuflisches Blendwerk, bisweilen stattfinden soll, eine Sage, weiche bei uns nur von Oertllchkeiten geht, deren vor- mittelalterliche Bedeutsamkeit erwiesen oder doch höchst wahrscheinlich ist. Anderweitige abergläubische Vorstellungen und Sagen, die hier zu Hause find, knüpfen sich zum Theil ebenfalls an das Schloß. Hierher gehört die Sage, daß der Teufel, den man hier seltsamer Weise auch Lucifer von Beaumont nennen hört, bald als „Grüner» in einem nordwärts vom Dorfe liegenden Gehölze erscheine, bald von dort als Fuchs oder Hase nach dem Schloß streife. Solche Sagen sind überall, wo sie vorkommen, Reste heidnischen Glaubens und beweisen heidnisch-alterthümliches Wesen der betreffenden Orte. So liegt hier der Vorstellung vom Teufel als „Grünem» eine dunkle Erinnerung an heidnischen Walddienst zu Grunde.

Bildquelle: Wikimedia Commons

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